Des Kaisers neue Kleider.
Schwäbische Zeitung 01.08.2022 

Mit dem „Kaiser“ Aug' in Aug'

Die Festspiele Wangen glänzen mit ihrer zweiten Inszenierung von Hans Christian Andersens Märchen

Von Babette Caesar
Wangen
Dass das Bühnenbild von Florian Angerer äußerst wandlungsfähig ist, hat die Premiere des Familienstücks „Des Kaisers neue Kleider“ am Samstag im Zunftwinkel gezeigt. Mit wenigen Mitteln ist ein höfisches Ambiente entstanden - eine farbige Kulisse, vor der Hans Christian Andersens Märchen in der Bühnenfassung von Roman Freigassner-Hauser seinen Lauf nimmt. Die Festspiele Wangen glänzen mit einer zweiten Inszenierung, die frisch und schnörkellos dem Publikum viel Freude am Zuschauen bereitet.
Im Zentrum eine hoch aufragende bemalte Schlosskulisse, davor Zwiebelbäumchen und seitlich die Schlossküche. Alles ist jetzt bunter und lebhafter als noch im Abendstück „Kleiner Mann, was nun?“ Auf einem grünen Rasenteppich vollführt das vierköpfige Ensemble unter der Regie von Peter Raffalt und zur pointierten Soundcollage von Georg Brenner sein höfisches Tänzchen. Schon hier zu Beginn ist klar, dass dieses Stück ein überaus heiteres ist.

Doch nicht zu verwechseln mit banal oder gar albern. Denn die Botschaften, um was es im tiefsten Innern geht, fliegen einem nur so um die Ohren. Noch während sie auf ihrem Schachbrett herumhüpfen, outen sich die Charaktere. Denn ist es wirklich immer der Kaiser, der gewinnen darf - egal, wie viele Male er von seinen Untertanen schachmatt gesetzt wird?

Anna Schönberg als dessen engste Beraterin Maxima und Lukas Kientzler als sein Minister Muro im Konfetti-gepunkteten Aufzug mimen die Ja-Sager zu allem und nichts. In Wirklichkeit sind sie die Strippenzieher, um den Kaiser für dumm zu verkaufen. Nur wer ist der Dumme? Gewandelt hat sich Nikolas Weber vom bedrückten Johannes Pinneberg in Hans Falladas Abendstück hin zum offenem, seinen „Völklingen“, speziell Marie als Tochter der Köchin (Johanna Reinders), zugewandten Herrscher des Sonnentals. Reinders als die junge freche Marie, die ihren Schnabel nicht halten kann, knüpft damit an ihre Rolle als „Lämmchen“ im Abendstück an. Sie nennt die Dinge beim Namen und scheut sich vor nichts. Schon gar nicht davor, den Spieß gemeinsam mit der Köchin umzudrehen und als die „Clotüren“ dem König vorzugaukeln, dass nur sie ihm die passenden Kleider schneidern könnten.

Köstliche Szenen spielen sich in der Küche ab, wenn Schönberg die Zwiebelsuppe anbrennt und Muro den ungenießbaren Sud entgegen allen menschlichen Instinkts in sich hineinwürgt. „Bin ja nicht dumm!“, lautet sein Mantra und die Rolle des Blödmanns beherrscht er aus dem Effeff. Freigassner-Hauser, der am Nachmittag aus Wien angereist war und im Publikum saß, hat ein Stück kreiert, das ohne Längen auskommt. Das auf wunderbare Weise in sich geschlossen ist und dabei gerne kleine Seitenhiebe austeilt. Nicht allein in Richtung österreichischer Politiker, sondern auch auf Donald Trumps einst geplanten Mauerbau abzielend oder auf „Boris, den Untragbaren“.

Mit dem „Partystück“ von Kostümbildnerin Elke Gattinger in knallig bunten Papageienfarben wartet Muro auf, denn schließlich braucht der Kaiser für seine bevorstehende Antrittsrede neue Kleider. Nur gefallen will ihm einfach nichts. Ratlosigkeit macht sich breit, bis Marie die rettende Lösung parat hat und sich in Schale à la Haute Couture wirft. Sie vollzieht einen grotesken Wandel frei nach dem Motto: „Je größer die Lüge, desto mehr werden sie uns glauben!“

Alle fallen auf die selbst ernannten „Clotüren“ herein, trennt sich hier doch die Spreu vom Weizen. Wollten ihn Maxima und Muro zu ihrer „Marionette“ machen, gelingt es Marie, dem Kaiser die Augen zu öffnen - für sich als Mensch, der er ohne Kleider fraglos ist, und für die Anliegen seines Volkes. Was Freigassner-Hausers Inszenierung auf lustvolle Weise vermittelt, ist der Mut, den es braucht, um der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Und dass es sich lohnt, den Mund aufzumachen, wenn etwas Gescheites aus ihm herauskommt. Viel Applaus und Bravorufe honorierten dieses Spiel um Schwindel und Aufrichtigkeit.

Weitere Freilichtaufführungen des Familienstücks „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen gibt es im Zunftwinkel bis zum 21. August, jeweils donnerstags, freitags, samstags um 15 Uhr und sonntags um 11 Uhr. Der Vorverkauf ist im Gästeamt Wangen, Telefon 07522 / 742 11 und per E-Mail unter tourist@wangen.de.


EditRegion1

Für den kleinen Hunger und für den Durst werden Getränke und kleine Stärkungen von dem Catering-Team angeboten.



Karten Abendstück

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Plakat: Kleiner Mann was nun? nach Hans Fallada
Karten Familienstück

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Plakat: Des Kaisers neue Kleider





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